A Photographer‘s Life – Annie Leibovitz

A Photographer‘s Life

Eine Ausstellung bei C/O Berlin widmet sich dem Lebenswerk der  
amerikanischen Magazin-Fotografin Annie Leibovitz.

Von Detlev Scheerbarth

Berühmt geworden ist sie mit spektakulären Prominenten-Porträts. Der  
nackte John Lennon, der sich an seine bekleidete Ehefrau Yoko Ono  
schmiegt (1980), oder die schwarze Schauspielerin Whoopie Goldberg in  
einer Badewanne voll Milch (1984) sind im kollektiven Bildgedächtnis  
verewigt.

Annie Leibovitz wurde 1949 im amerikanischen Bundesstaat Connecticut  
geboren. Während ihres Kunststudium am San Francisco Art Institute  
begann sie, für den „Rolling Stone“ zu arbeiten. 1970 erschien ihr  
erstes Titelfoto, 1973 wurde sie Chef-Fotografin der Musikzeitschrift.  
Zehn Jahre später wechselt sie zum Promi-Magazin „Vanity Fair“, seit  
1988 arbeitet sie außerdem für die „Vogue“. Die aktuelle Schau bei C/O  
Berlin dokumentiert ihre Arbeiten seit 1990.

Die rund 200 Exponate sind weder chronologisch sortiert noch nach  
Genres geordnet. Glamuröse Auftragsarbeiten hängen unmittelbar neben  
kleinformatigen Schnappschüssen aus dem Familienalbum.

Die Mutter Marilyn Leibovitz war ausgebildete Tänzerin. Sie ist an  
einem Strand zu sehen, in reiferem Alter, spielerisch posierend.  
Gegenüber ein anderes Motiv, ebenfalls am Meer: der Ballettänzers  
Mikhail Baryshnikow, in perfekter Haltung auf der Schulter seines  
Partners Rob Besserer. So entstehen aus der Gegenüberstellung  
Bildergeschichten, die es zu deuten gilt.

Nicole Kidman, überstrahlt vom gleißenden Bühnenlicht, Brad Pitt, wie  
hingegossen auf dem Hotelbett, dazwischen ein szenisches Doppelporträt  
von Milliardär Donald Trump und Melania, seiner dritten Ehefrau. Unter  
der offenen Hecktür eines Privatjets posiert sie mit Babybauch im  
golfarbenen Norma-Kamali-Bikini. Er sitzt am Steuer eines silbernen  
Mercedes SLR McLaren. Selten wurde der pure Protz so plakativ ins Bild  
gesetzt wie in dieser Produktion für die amerikanische „Vogue“. An der  
Wand gegenüber sind private Aufnahmen der Schriftstellerin Susan  
Sontag im Krankenbett plaziert. Sie war die langjährige  
Lebensgefährtin von Annie Leibovitz.

Dem menschlichen Werden und Vergehen ist ein eigenes Kabinett  
gewidmet. Der Vater Samuel Leibovitz liegt, umgeben von der Familie,  
auf dem Sterbebett, ein anderes Motiv zeigt sein offenes Grab. An der  
gegenüberliegenden Wand das wohl verstörendste Bild der Ausstellung,  
Annie Leibovitz fotografierte den aufgebahrten Leichnam ihrer 2004  
verstorbenen Lebensgefährtin. Bilder aus dem Kreißsaal von der Geburt  
der Tochter Sarah Cameron ergänzen diesen Bilderzyklus. Ob solche  
Aufnahmen zur privaten Erinnerung anfertigt werden, muss jeder für  
sich entscheiden. Die öffentliche Zurschaustellung provoziert hier  
Geschmacksfragen.

Der letzte und größte Raum der Berliner Ausstellung ist neun  
monumentalen Landschaftsansichten vorbehalten. Nach den menschlichen  
Dramen zuvor, real oder inszeniert, entfalten diese monochromen  
Aufnahmen eine intensive meditative Kraft.

Die Kategorisierungen „Künstler“ oder „Journalist“ lehnt Annie  
Leibovitz für sich ab, sie bezeichnet sich selbst als  
„Dokumentaristin“. Wer regelmäßig im Auftrag von Mainstream-Magazinen  
mit fünfstelligen Produktionsetats umgeht, muss sich an  
konventionellen Sichtweisen orientieren. Zur Umsetzung ist ihr jedes  
technische Mittel recht, auch die Bildmontage sieht sie als legitimes  
Werkzeug. Bezeichnend dafür ist ein Kapitel in ihrem Buch „At Work“,  
in dem sie die mehrtägigen Vorbereitungen im Buckingham Palace  
schildert für ein letztlich 25-minütiges Shooting mit Queen Elizabeth  
II. Die Queen weigerte sich, in vollem Ornat im Garten zu posieren.  
Leibovitz fotografierte sie vor gauem Karton und ließ sie in eine  
Gartenansicht einmontieren.

Aber auch mit ihren privaten Familienbildern bleibt sie ästethisch auf  
der sicheren Seite. Ihr Auge hat sie unverkennbar an den Vorbildern  
Henri Cartier-Bresson und Robert Frank geschult.

Annie Leibovitz Leistung ist es immer wieder, das öffentliche Klischee  
prominenter Menschen zu überhöhen. Ihre Auftragsarbeiten zeigen nichts  
wirklich Neues, aber das Bekannte auf neue faszinierende Weise.


 

Die Ausstellung „A Photographer‘s Life“ ist bei C/O Berlin im  
Postfuhramt, Oranienburger Straße, noch bis zum 24. Mai täglich von 11  
bis 20 Uhr geöffnet. Weitere Stationen sind Madrid und das Kunsthaus  
Wien (29.Oktober 2009 – 31. Jänner 2010)
.

Informationen bei www.co-berlin.info

Das lesenswerte Buch „Annie Leibovitz at Work“ ist bei Schirmer Mosel  
erschienen.

Detlev Scheerbarth leitet das Ressort Gestaltung/Bild der Märkischen  
Allgemeinen in Potsdam.