Bericht vom SND/DACH-Jahrestreffen 2010 in Bern

Das Jahrestreffen 2010 der Society for News Design SND/DACH fand am 18.-19. Juni in Bern statt. Während zwei Tagen wurde ein überaus interessantes und abwechslungsreiches Programm geboten mit diversen Vorträgen, Diskussionen und einer Ausstellungseröffnung.

Nicht nur Mitglieder aus Deutschland, Österreich und der Schweiz waren anwesend, auch zahlreiche interessierte Zeitungs-und MagazinmacherInnen und eine Gruppe Studierender und Dozenten der Freien Hochschule für Grafik-Design und Bildende Kunst aus Freiburg i. Br. kamen nach Bern. Neben dem Rahmenprogramm gab es viel Raum für Begegnungen und informelle Gespräche und auch für das leibliche Wohl war stets gesorgt.

Beherbergt wurde die Veranstaltung vom Verlag der Berner Zeitung und von der HKB Hochschule der Künste Bern, die dankenswerter Weise dem SND/DACH für die Ausstellung «The World’s Best-Designed Newspapers» Ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellten.

Begrüssung im Verlagshaus der Berner Zeitung. Von links nach rechts: Stefan Knapp und Michael Adams von SND/DACH und Michael Hug, Chefredaktor der Berner Zeitung. (Foto: Daniel Barben)

 

Im Folgenden eine kurze Zusammenfassung des Programms:

PROJEKT LOKALFOTOGRAFIE

Den Auftakt der Veranstaltung am Freitagnachmittag bildete das Projekt Lokalfotografie, das von Melody Gygax, Bildredaktorin bei der «Basler Zeitung» koordiniert und präsentiert wurde. Vier FotografInnen mit unterschiedlichem beruflichen Hintergrund erhielten folgendes Briefing: «Rüschegg feiert am Wochenende das 150-jährige Bestehen der Gemeinde. Die Feier beginnt am Freitag mit einem Schulumzug durch das Dorf. Da der Dorfbach in Rüschegg vor kurzem über die Ufer getreten ist, werden wir den Fokus auf die Unwetterfolgen legen. Wie lässt sich in dieser Umgebung feiern?» Diesen Auftrag galt es bis zum Abend fotografisch umzusetzen. Am Samstagmorgen wurden die Ergebnisse auf einer Seite in der Berner Zeitung druckfrisch präsentiert und die FotografInnen hatten Gelegenheit, ihre Arbeit zu erläutern. Daraus entstand eine interessante Diskussion mit dem Publikum über Fotografie im Umfeld der Zeitungsproduktion. Folgende FotografInnen haben sich an diesem Experiment beteiligt:

 

  • Meike Seele, derzeit in Ausbildung zur Fotojournalistin am MAZ (die Schweizer Journalistenschule) in Luzern
  • Stefan Anderegg, Fotograf bei der Berner Zeitung, lebt und arbeitet seit 31 Jahren in der Region Bern.
  • Christoph Stulz lebt und arbeitet als freier Fotograf in Basel. Er ist Absolvent der Fotoklasse der F+F Schule für Kunst und Mediendesign in Zürich.
  • Ennio Leanza arbeitet für die Bildagentur Keystone Ostschweiz.

 

Die Seite in der Samstagsausgabe der Berner Zeitung. 

 

VORTRAG «VISUAL ESSAY»

Der zweite Programmpunkt drehte sich um die Illustration und ihren Stellenwert innerhalb des Journalismus. Pierre Thomé, Leiter der Studienrichtung Illustration an der HSLU Hochschule für Design & Kunst Luzern, brachte das Thema dem Publikum anhand vieler Bildbeispiele näher und zeigte dabei die vielfältigen Möglichkeiten der Illustration auf. Er spannte den Bogen vom 19. Jahrhundert, als die Illustration noch die einzige Möglichkeit der Bebilderung von Geschichten war, bis hin zur heutigen Anwendung der Illustration in Magazinen und Zeitungen. Yves Nussbaum, freischaffender Illustrator und Dozent an der HSLU, gab uns einen Einblick in das Unterrichtsmodul Visual Essay, das ein fester Bestandteil des Studiums Illustration darstellt. In einem vierwöchigen Projekt setzen sich die Studierenden journalistisch und illustrativ mit einem Thema auseinander und entwickeln daraus eine Publikation.

Yves Nussbaum (links) und Pierre Thomé (rechts) über Illustration. (Foto: Raimar Heber)  

 

ZEITUNG IM INTERNET

Der nächste Referent Christoph Lüscher, Mitinhaber der Webdesignfirma iA Information Architects, richtete den Fokus auf die digitalen Medien und berichtete humorvoll und anschaulich über seine Arbeit als Webdesigner.
Im Besonderen thematisierte er das erst kürzlich erschienene iPad von Apple, das, so prophezeit er, unsere Lesegewohnheiten verändern und die Computermaus zum Aussterben bringen wird. Wie stark der technische Fortschritt die Medien sowie den Medienkonsum beeinflusst, verdeutlichte er am Beispiel einer Ansicht der NZZ-Homepage aus dem Jahr 1996. Die Technik beeinflusst auch die Mediengestaltung, was nicht immer in überzeugenden Ergebnissen resultiert. Christoph Lüscher setzt sich ein für eine klare und zielgerichtete Gestaltung und warnt vor dem Einsatz von zu vielen Metaphern, die der digitalen Interaktion meist eher entgegenwirken und der Information im Wege stehen. Welche Auswirkung die Errungenschaften der digitalen Technologie für die gedruckte Zeitung haben, und wie die Verlage sich diese Technik zunutze machen können, waren am Schluss des Vortrags die Hauptdiskussionspunkte im Publikum.

Christoph Lüscher von iA Information Architects. (Foto: Daniel Barben) 

 

DESIGNGESPRÄCH

Nach einer kurzen Pause betraten Ruedi Baur und Gerrit Terstiege die Bühne. Ruedi Baur ist Designprofessor an der ZHDK Hochschule der Künste Zürich und Mitinhaber von «Intégral, Ruedi Baur et Associés Paris» und stand Gerrit Terstiege, Chefredaktor des Designmagazins «Form» Rede und Antwort zu verschiedenen Fragen über Design und Orientierung. «The delicious flavour of getting lost» stand als einleitender Satz über ihrer Unterhaltung. Sind wir überinformiert? Überorientiert? Kommt uns so das Gefühl für Raum und Zeit abhanden? Ruedi Baur plädiert als Gestalter von Orientierungssystemen dafür, dass man sich gelegentlich auch verirren dürfen müsse. In diesem Spannungsfeld von Struktur schaffen und Struktur loslassen sucht er als Gestalter seine Richtung. Es ist viel die Rede von Ideologie: Ideologie der Orientierung, Ideologie der Flexibilität, Ideologie des Marketings, Ideologie des Brandings. Ruedi Baur möchte sich nicht von Ideologien leiten lassen und versucht bei jedem Projekt den Kontext einzubeziehen und individuell angepasste Lösungen zu finden. Dabei ist es ihm wichtig, keinen formalen Stil zu pflegen, sondern immerzu neue und unkonventionelle Wege zu beschreiten. Auf die Frage nach seinem Bezug zur Zeitung outet sich Ruedi Baur als regelmässiger Leser verschiedener internationaler Zeitungen. Er stellt fest, dass immer weniger Zeitungen über die Kioske vertrieben werden, was er als ein grosses Problem für die Pressevielfalt betrachtet. Bei der Zeitungsgestaltung ist ihm in erster Linie die Funktionalität, die Lesbarkeit, wichtig.

Ruedi Baur (links) im Gespräch mit Gerrit Terstiege (rechts). (Foto: Daniel Barben)

 

PODIUMSDISKUSSION

Anschliessend fand sich eine Runde von Medienvertretern zu einer Podiumsdiskussion zusammen, die von Michael Adams (Country Coordinator Switzerland SND/DACH) moderiert wurde:

Max Trossmann, Publizist und Journalist
Brigitte Meyer, Art Direktorin bei der NZZ
Daniel Stähli, Gestalter des neuen Tagesanzeiger-Konzeptes
Anita Pascarella, Teamleitung Gestaltung beim Bund

Ausgangspunkt der Diskussion waren vier Tageszeitungs-Redesigns im vergangenen Herbst. Der Tagesanzeiger, die NZZ, der Bund und der Blick erhielten fast zeitgleich ein neues Gewand. Michael Adams befragte die Runde zu den Hintergründen und Zielen der Relaunches. Es wurde auch über die Ergebnisse diskutiert, wobei klar wurde, dass die Meinungen hier stark auseinander gingen. Ein wichtiger Diskussionspunkt war die Ressourcenfrage und wie die Verlage versuchen, mit dieser Problematik umzugehen. Kooperationen und das Nutzen von Synergien scheint überall ein Trend zu sein – die Umsetzung im Alltag allerdings ist nicht immer einfach. 

 

Im Vordergund: Tagesanzeiger, NZZ und Der Bund – 3 Tageszeitungen, die im Herbst 2009 einen Relaunch durchlaufen haben. (Foto: Daniel Barben)

 

Auf dem Podium von links nach rechts: Max Trossmann, Brigitte Meyer, Michael Adams, Daniel Stähli und Anita Pascarella. (Foto: Daniel Barben) 

 

 

AUSKLANG UND ABEND

Anschliessend gab es eine Führung durch das Medienhaus der Berner Zeitung, wo auch die Redaktionen von Bund, TeleBärn und Radio Capital FM untergebracht sind. Zum Abschluss liess man den intensiven und lehrreichen Nachmittag mit einem schönen Nachtessen im Restaurant Rosengarten ausklingen, wo noch bis spät in die Nacht diskutiert und gefeiert wurde.

 

AUSSTELLUNGSERÖFFNUNG AM SAMSTAG

Nach der Präsentation und Diskussion des Projektes Lokalfotografie am Samstag Morgen (siehe oben) begab man sich in die HKB Hochschule der Künste Bern zur Ausstellungseröffnung von «The World’s Best-Designed Newspapers». Drei Zeitungen wurden vom SND in der Top-Kategorie «Worlds Best-Designed» ausgezeichnet: The New York Times, der Freitag und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Davon gab es ein paar ausgewählte Originalseiten zu besichtigen. Einen spannenden Einblick hinter die Kulissen des Wettbewerbs gab zudem Raimar Heber (Country Coordinator Germany SND/DACH), der dieses Jahr als Mitglied der Jury nach Syracuse/USA berufen worden war.

Ausstellung «The Worlds Best Designed Newspapers» an der HKB Bern. (Foto: Stefan Beckmann)



DANK

Ein besonderer Dank geht an die Berner Zeitung und an die HKB Hochschule der Künste, die dem SND/DACH ihre Infrastruktur zur Verfügung gestellt haben. Vielen herzlichen Dank an alle, die mit ihrem Engagement mitgeholfen haben, diese Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Und nicht zuletzt ein grosses Dankeschön an alle, die den weiten Weg auf sich genommen haben und den Anlass mit ihrer Anwesenheit bereichert haben.


7. Juli 2010, Evelyn Mörgeli