Ritt über die Epochen

Der Wiener Falter hat sich als textbetonte Stadtzeitung selbst neu erfunden. Das risikoreiche Konzept sorgt für heftige Auseinandersetzungen in der Stammleserschaft und soll neue Leser anziehen.

Von CHRISTIAN GUTSCHI

Selten zuvor gingen bei einem Zeitungsrelaunch die Wogen derart hoch. Die Leser der Wien-Grazer Stadtzeitung Falter wurden mit einer grafisch völlig neuen Zeitung konfrontiert. Daraufhin erlebte die Redaktion ein Bombardement von zum Teil bitterbösen Leserreaktionen. Kein Wunder, denn dieser Relaunch kratzt aus zwei Gründen nicht nur an der optischen Oberfläche:

  1. Das Layout des Falter ist nicht mehr wiederzuerkennen, verzichtet bewusst auf bekannte Schriften und erscheint erstmals durchgängig in Farbe: eine schwere Zumutung für die Sehgewohnheiten der treuen Leser.
  2. Die Modernisierung drückt sich im Rückgriff auf einen grafischen Stil aus, der nichts mit heute in Zeitungen üblichen Designetiketten zu tun hat. Von der gestalterischen Seite für diesen mutigen Schritt verantwortlich ist der ehemalige Zeit-Artdirektor Dirk Merbach. Seit mehr als einem Jahr bastelte er gemeinsam mit einem kleinen Team aus der Redaktion an der Entwicklung der neuen Stadtzeitung: „Wir gingen von der serifenlosen Überschrift weg und verwenden dafür nun exotische Schriften.“ Wie etwa die „Weidemann“ als Textschrift, ein speziell für den Dünndruck der Bibel entwickelter Font. „All das mündet in ein Bekenntnis zum Text, und zugleich ist es ein Ritt über die Epoche“, so Merbach. Schließlich sei der Falter ja für ein lesendes Publikum gemacht. Doch kommen gerade von dort die besonders kritischen Rückmeldungen: „Unübersichtliches Layout, viel zu dicht, die Schrift unlesbar und viel zu wenig Weißraum.“

Design weitab der Lesegewohnheit.

Prinzipiell haben diese Leser nicht unrecht, leicht zu lesen ist dieser neue Falter auf keinen Fall. Aber weshalb? Weil bei dieser Neugestaltung bewusst auf die im Zeitungs- und Magazinbereich derzeit moderne Ästhetik verzichtet wurde. Dagegen stellt Merbach eine auf den ersten Blick schwer zugängliche Textwüste mit geschickt platzierten (teils großflächigen und farbigen) Bildern.
Auf den zweiten Blick zeigt sich, dass die Lauftextschrift hervorragend lesbar, ja sogar größer ist als im alten Layout.
Sie hat nur ein Problem: Sie ist dem Leser als solche völlig unbekannt, wirkt viel kräftiger und erfordert daher eine besonders lange Gewöhnungszeit. Rein formal gesehen ist diese Schrift eine gute Wahl, weil sie die für den Zeitungsdruck nötige Robustheit besitzt.


Die inhaltlichen Änderungen.

Originell ist die Idee mit zwei Inhaltsverzeichnissen: ein kurzes vorn, das vollständige gibt es hinten, wodurch beide Lesebeginntypen zufrieden sein dürften. Völlig neu auch die Heftung und
Trennung von Zeitung beziehungsweise Programmteil, der nun Falter-Woche heißt. Dieser wurde mit farbbezogenen Wegweiserpfeilen versehen, übersichtlicher gestaltet und mit Kurzkritiken und Vorschauen aufgewertet.
Der Einstieg vorn erfolgt über einen deutlich erweiterten Meinungsteil, zahlreiche Ressorts (Medien und Stadtleben) wurden ausgeweitet, fast alle Teile der Zeitung neu strukturiert. Und die Kultur heißt nun Feuilleton. Falter-Gründer Armin Thurnher spricht daher von der „Neuerfindung der Wochenzeitung, die umgeben ist von durchkommerzialisierten Printprodukten“.


Damit positioniert sich der Falter nun auch optisch gegen die Verschmelzung von Magazin- und Tageszeitungsästhetik. Thurnher und Merbach haben eine Wochenzeitung für Wien geschaffen, die zur doppelbödigen Provinzialität und gleichzeitig anklingenden Weltoffenheit dieser Stadt eine grafische Sprache findet. Weitab des publizistischen Mainstreams zu schwimmen war immer schon die Blattlinie, die nun konsequent über das Layout symbolisiert wird. Beim Falter wird so ein Kontrapunkt zu einem prekären Zeitpunkt gesetzt, ein möglicherweise (über)lebenswichtiger. Denn laut den Daten der Mediaanalyse ist die Leserschaft von seit Langem stabilen 96 000 (2005) nun auf 63 000 (2007) geschrumpft. Ob das neue Konzept des Falter mit der Betonung seines unverwechselbaren Charakters, kombiniert mit hohem Nutzwert (Programmteil), aufgeht, werden die nächsten Jahre zeigen.  

Der alte Falter, wie er seit 1991 erschien (links) und der neue mit der ursprünglich für den amerikanischen Rolling Stone geschaffenen Schrift „Parkinson“. Damit fällt der Zeitungskopf durch eine lebendige und charmant handgestrickte Anmutung in der Trafik besonders
stark ins Auge. Die farbigen Balken weisen auf Geschichten in den einzelnen Heftteilen hin und sind in ihrer bunten Mischung gewöhnungsbedürftig.

Der von der Wiener Illustratorin Lisa Hampel
gezeichnete Adler mit Schmetterlingsflügeln. Ein ironisches
Zitat der altehrwürdigen Adlerlogos amerikanischer
und britischer Qualitätszeitungen (zum Beispiel
Independent). Dieser „Falter-Adler“ soll den werblichen
Auftritt der Zeitung in Zukunft prägen.

 

ein Beitrag aus: Graphische Revue Österreichs, Ausgabe 5/08
www.bildungsverband.at

 

Und hier ein passender Veranstaltungstipp:

Designer- und Grafikerstammtisch
Café Engländer in der Postgasse 2 in Wien, 1. Bezirk,
13.11. 2008, 18.30 Uhr


Thema des Abends:
Das neue Design des Falters mit AD Dirk Merbach
Präsentation und Diskussion


Ausserdem:
- Bericht vom Jahrestreffen 2008 in Potsdam
- Ausstellung: The World's Best Designed Newspapers
- Das Jahrestreffen 2009 der SND/DACH wird wieder einmal in Österreich stattfinden und will von uns organisiert werden.

Wenn Interesse besteht und Zeit bleibt werden wir als besonderes Schmankerl für alle Infografiker die
Gewinnergrafiken des dpa Infografik Awards vorstellen.
Natürlich soll auch der zwanglose Austausch unter Kolleginnen und Kollegen nicht zu kurz kommen.
Wir freuen uns jedenfalls, Dich/Sie begrüssen zu dürfen.

Wer gerne kommen will und es bisher versäumt hat, sich anzumelden, kann dies noch nachholen unter:
dreier@snd-dach.org
Diese Einladung kann auch gerne an andere Interessierte weitergeleitet werden.

Mit kollegialen Grüssen,

Joseph Dreier
Koordinator SND/DACH Österreich

Rolf Rehe
Mitglied im Vorstand von SND/DACH